Deutschland und der 8. Mai. Wieder einmal kocht in Ost und West die Analyse der Begrifflichkeit hoch, die diesen Tag vor 81 Jahren zu dem eigentliche Jahrhunderttag werden ließen. Dabei ist die offizielle und geschichtsgetreue Festlegung dieses Datums für viele bis heute nicht genau nachvollziehbar. Die Unterschrift des General Keitels auf Veranlassung alliierten Drucks und im Angesicht einer Totalniederlage mit den schlimmsten Verwüstungen, die der deutsche Verbrecherstaat Hitlers mit dessen tausendjährigen Zukunftsavancen zwischen zwischen östlichen und westlichen Angreifern erlitten hatte und weder verteidigungsfähig, noch handlungsfähig war, zwingt ein Datum zu einem komprimierten Ereignis, das der enormen Last unmenschlicher Zerstörungen und den Millionen Toten auf allen Seiten nicht würdig ist. Diese Unterschriften, ein schnelles Gekrakel auf einem hochamtlichen Dokument von Weltrang ist eben kein Schlussstrich unter diese Jahre infernalischen Terrors auf allen Seiten, die im Vernichtungskrieg gegen alle menschlichen Werte und Moralvorstellungen wie Freiheit, Recht, Solidarität und Gerechtigkeit untergegangen sind.
Am 5. Juni 1945 unterzeichnen die vier Siegermächte die Berliner Deklaration. Darin heißt es:
Die Regierungen des Vereinigten Königreichs, der Vereinigten Staaten von Amerika, der Union der Sozialistischen Sowjet-Republiken und die Provisorische Regierung der Französischen Republik übernehmen hiermit die oberste Regierungsgewalt in Deutschland, einschließlich aller Befugnisse der deutschen Regierung, des Oberkommandos der Wehrmacht und der Regierungen, Verwaltungen oder Behörden der Länder, Städte und Gemeinden.
In seiner weltweit beachteten Rede zum Kriegsende 1985 erläuterte der Bundespräsident Richard von Weizsäcker seine Sicht für die Bedeutung dieses Tages und dabei darf nicht vergessen werden, dass der Federstrich Keitels lediglich als bürokratischer Akt, als Vertrag zwischen den alliierten Siegern und den unterlegenen Faschistenführern, Parteimitgliedern und Mitläufern eingestuft werden. Das Ende eines Krieges, allerdings nur in Europa, der für uns Deutsche und später für fast die gesamte Weltgemeinschaft Geltung einnimmt. Das deutsche Volk musste sich bedingungslos geschlagen geben, gleichgültig ob sie Täter, Opfer oder scheinbar Unbeteiligte gewesen waren. Sie waren alle Deutsche und auch, wenn Jahr für Jahr der 20. Juli mit den widerständigen Offizieren gemeinsam mit einigen bürgerlichen Nazigegnern als Beweis herhalten müssen, dass nicht alle Deutschen wie von Sinnen und mit Heilgebrüll Hitler und seiner Kamarilla in den Untergang folgen wollten. Das betrifft auch die vielen kleinen Parteirädchen und oft namenlosen Parteigängern, die irgendwie (und sei es nur ein kleiner Verrat gewesen oder das Augen verschließen bei den massenhaften Progromen und rassistischen Erniedrigungen ) Schuld auf sich geladen hatten. Schuld fing schon da an, wenn sie ihre Mitbürgern Angst und Schrecken mit Verfolgung und Bestrafung einjagten oder sich unter herabsausenden Bomben in Schutzkeller flüchten mussten. Vor allem luden fast alle Schuld auf sich, als deutsche Bürger jüdischer Abstammung, nirgendwo zu verortende Roma und Sinti, ein Großteil der von der Gesellschaft stigmatisierte Homosexuelle und im Land gebliebene sozialistische wie kommunistische Widerständler verfolgt, verhaftet, ausgestoßen und ermordet wurden. Die zwölfjährige Schreckensherrschaft (nicht für alle) und die Unterwerfung unter den (kriegs)verbrecherischen Nazischergen, stellvertretend für die gesamte nazionalsozialistische Unterdrückungs und Vernichtungselite vom „Führer“ bis zum geringsten Ortsgruppenführer endete nicht am 8. Mai. Es muss festgestellt werden, dass die Kapitulationsurkunde nur auf Grund eines über Jahrhunderte bleibenden Prozess der zeitgeschichtlichen Einordnung verortet wurde: Weizsäcker sagte Wort wortwörtlich„Wir dürfen nicht im Ende des Krieges die Ursache für die Flucht, Vertreibung und Unfreiheit sehen. Sie liegt vielmehr in seinem Anfang und im Beginn jener Gewaltherrschaft, die zum Krieg führte.“
Von Kollektivschuld sprach Weizsäcker nicht, doch die Mehrheit der Deutschen war für ihn mitverantwortlich für die Verbrechen – nicht nur Hitler, seine Schergen oder gar der Friedensvertrag von Versailles.
Wenn er demütig und ohne erkennbaren Revisionsgedanken davon spricht, dass die zum Ende des Krieges geschehenen Rachemaßnahmen vor allem der russischen Armee, aber auch durch nationalistische Reaktionäre wie beispielsweise in Polen oder in der Tschechoslowakei in ihrer eigentlichen Ursache für die Versailler Verträge und den darauf folgenden politischen Verwerfungen zu Grunde liegen, relativiert er die Dialektik zwischen Siegern und Besiegten als zwangsläufige Kollateralschäden deutscher Gewaltherrschaft. Seine Rede mit seinen Bekenntnissen zu einer deutscher Generalschuld verschweigt aber wesentliche Aspekte des tatsächlichen Zustandes, der in Deutschland und vor allen in den östlichen Anrainerstaaten im Zusammenhang mit dem Zerbrechen des „Dritten Reiches“ vorherrscht. Mit bewußtem Verschweigen und Verklausurieren spart er die anarchische Zeit zwischen Kriegsende und den folgenden Jahren aus, um wiederum die deutsche Schuld nicht mit den Nachkriegsunruhen zu vergleichen, die nach dem 8. Mai vor allem den Osten des Landes betrafen. Das ist als Grundton seiner Rede zu verstehen, weil er der gesamten Siegerallianz nicht auf die Füße treten will und kann, denn das neue Deutschland ist seit 1949 ein unabhängiger Staat und inzwischen Teil der westlichen Allianz. Das gilt aber für die westlichen Besatzungszonen der demokratischen Siegermächte Frankreich, Großbritannien und den USA, der Osten wurde in das Sowjetreich Stalins eingegliedert und erlitt eine zweite jahrelange Unterdrückung und Unfreiheit, die erst 1989 durch einen Selbstermächtigungsprozess der Bevölkerung endete. der allerdings durch die immensen Zerstörungen durch die großflächigen Bombardements allein nicht mehr auf die Beine kommen würde. Die Careaktion aus den USA ermöglichte in verblüffend kurzer Zeit vielen total zerstörten Städten den Weg ökonomisch und strukturell den Wiederaufbau und eine relativ geordnete Neugründung eines neuen, demokratischen deutschen Staates. Und wie später eindeutig im politischen Diskurs klar benannt wurde, dass die Vertreibungen vor allem aus Schlesien, Ostpreußen und dem Sudetenland nur unter verbrecherischen Gewaltanwendungen möglich waren.