Erinnerst du dich, als wir uns durch den asymmetrisch von der gnadenlos rücksichtslosen Natur, von Wind, Wellen und Stürmen erschaffenen und seit Jahrtausenden trotzenden Park der roten Felsgiganten an der Küste der Bretagne bei Ploumanach, dort ganz oben am brausenden Meer, Schritt für Schritt in Windungen auf einem kleinen Pfad vortasteten und ich bei jedem Schritt dachte, jetzt trete ich auf einen kleinen spitzen Stein, der aus dem Sand hervorlugt, und strauchle so, dass der ohnehin ramponierte und bei jedem Schritt aufjaulende Rücken vollends den Gnadenstoß verpasst bekommt, der ein Weitergehen unmöglich machen würde? Schon da, überwältigt von den roten, durch die Unbilden der Natur blank geschliffenen Riesen der Urzeit, staunend ob dieser die Zeit verhöhnenden Felsungeheuer, diesen tonnenschweren Relikten einer nicht vorstellbaren Zeit, lange bevor je ein Mensch geboren war, geschah das für mich unverständliche Wunder, diesen Parcours überhaupt geschafft zu haben. Wer es nicht gesehen hat, wer nicht mit geschliffener Vorsicht, Andacht und immer hellwach, sogar oft einhändig fotografierend dort gewesen ist, kann selbst mit überhöhter Phantasie nicht begreifen, wie winzig wir Jetzigen angesichts dieser unbegreiflichen Formationen der puren Unendlichkeit, unsere Spuren gut besohlter Schuhe, in den Sand einer in Minuten verwehten Gegenwart in die Vergangenheit der ewigen Erde drücken und keinen Gedanken finden, der diesem Erleben gerecht werden würde. Froh unbeschadet und doch tief berührt, ja von einigen, die überwältigt einen Weg in die angrenzende Zivilisation gefunden zu haben, der von tausenden, vielleicht millionenfachen Tritten berührt worden war, deren Beine und andere Gliedmaßen schon wieder in die Schnelligkeit der Zeit zurückgeführt hatten, um gemäß den Bedürfnissen einer flüchtigen Gegenwart ein anderes Ziel des Staunens und sich Wunderns betreten zu können. Die Horden der Neugierigen, so wie wir auch, strebten den vierrädrigen Vehikeln zu, schnell wieder im Hier und Jetzt, um die nächste, im Reiseführer beschriebene und abgebildete, vermeintliche Einzigartigkeit aufzuspüren. Jeder nach seinen Wünschen und Planungsprioritäten. So gelangten auch wir zurück auf die Straße, ich unsicher gehend, keuchend, den mir selbst zugefügten Schmerzen Tribut zollend, wacklig in den Knien, die körperlichen Mahnungen ignorierend, in Gedanken einen festen Sitz erwartend, dem geparkten Auto entgegen. Schon da spürte ich zwar die Schmerzen im Rücken, das Ziehen der überforderten Muskeln und wischte jeden Gedanken daran, sogleich wieder so beiseite, dass ich mit dem Selbstbetrug leben konnte.
Erinnerst du dich an den Point de vue sehr hoch oberhalb der Bucht von St. Brieuc, weit ins unter mir liegende seltsam ruhige Meer den Blick hin und her schweifend, mit salzigem Geschmack der streng peitschenden Windböen im Mund und die Haare je nach Richtung der mir entgegen blasenden Luftmassen flatternd. Der Himmel hing tief und Regen lag in der Luft. Von den Kanten des Aussichtspunktes fielen die Felsen des steil nach unten fallenden Abgrundes offensichtlich unmittelbar in die Bucht und ich trat näher, um besser sehen zu können, aber du hieltest mich zurück, ob deiner Höhenangst, die du offensichtlich auf mich projiziertest, auch wenn ich zwar die Höhe des abstürzenden Felsens gut einschätzte, hattest du Angst so wie ich, aber ich traue mich bis zu einer gewissen Distanz an die Kante, wohl wissend, dass es nur eine Böe brauchte, um wie eine selbstmörderische Möwe nach unten zu fallen. Das hatte ich auf der Westseite der Liparischen Inseln ausprobiert wie auch überall dort, wo Land und Meer aufeinanderstoßen und das Land hoch über dem Wasser thront. Keine Angst, aber Vorsicht und Respekt sind in diesem Fall überlebenswichtig. Der Wind blies stärker, erste Regentropfen berührten die Haut, über dem Meer wurde es düsterer. Das Telefon klingelte. Wer in aller Welt oder zumindest in Europa rief an. Erstaunt hörte ich eine deutsche Stimme. Das orthopädisch-sensomotorische Institut im Ruhrgebiet schickte eine weibliche Stimme über tausend Kilometer in das kleine Gerät und den Lautsprecher. Ein Termin. tatsächlich war es die Antwort einer vor Wochen erbetenen Frage nach einem Zeitpunkt, wenn es möglich sei, dort zu erscheinen und ärztliche Behandlung angedient zu bekommen. Darauf hatte ich schon lange gewartet, das erschien mir wie die Rettung des Schiffbrüchigen auf einer einsamen Insel, der Ruf nach Rettung. Meine Suche nach einer explizit fachärztlichen Meinung zu meinen anhaltenden bis unerträglichen Rückenschmerzen war erfolgreich und ich war so erleichtert, endlich eine, wie ich glaubte, sichere und fruchtende Behandlung zu bekommen, die mich von dem Pein der Nerven rund um die Wirbelsäule, speziell die untersten Wirbelkörper erlösen würde. Dieser Telefonanruf über dem Meer und der klein erscheinenden Stadt St. Brieuc war der Anfang einer schier endlosen Geschichte, die wie ein plötzlich entstehender Sturm folgen sollte.