Wolfgang Neisser

Collposing Art

Les Blancs Rochers de Haute de Seine

Neulich sah ich so eine Dokumentary über die UrImpressionisten und im Prinzip finde ich derartige Machwerke zwischen belegbaren Tatsachen und individuellen Aussagen der Macher als halbwissenschaftliche Feuilletonschwurbelei. Aber da ich mich im Moment in France aufhalte, nehme ich das zum Anlass, meine eigenen individuell und subjektiv gefärbten Gedanken aufzuschreiben.

Kein Wunder, dass es die ersten noch nicht als Impressionisten zu bezeichnenden Maler aus Paris immer wieder in die relativ nah entfernt gelegene Normandie zog, auch wenn damals der Weg dorthin sehr viel beschwerlicher war als wir es uns heute mit Pferdestärken auf vier Rädern oder über Gleistrassen vorstellen. Beliebte Ziele, die in der Skala der sehenswerten Attraktionen geschichtlicher Überlieferungen sehr weit oben auf der Lockskala der Touristikinfluencer zu finden sind und als das non plus Ultra des Verreisens von diesen medialsüchtigen Selbstdarstellern emporgejubelt werden, sind nichts weiter als halbgare Framings dieser Egomanen, die sich mit absurd eigentümlichen Auftritten in den sogenannten sozialen Medien am Unwissen vieler anderer Menschen bereichern wollen. Von billiger Werbung andauernd unterbrochen, merkt der Weit- und Vielgereiste direkt, dass es diesen medialen Wegelagerern nur um die Penunzen geht.
Zurück ins 19. Jhdt. Gerade in den Anfängen ihres Entschlusses, sich der Malerei zu widmen, genügten einigen die Natur als Ursprung allen Lebens und eine aus sich selbst immer wieder erwachsene Schönheit während der Jahreszeiten.
Als ihnen die Ateliers zu muffig, zu eng und zu dunkel wurden und sie sich mit aller Macht und viel Engagement von den verstaubten Kunstbegriffen der Vergangenheit befreien wollten, erkundeten sie das Bauernland rund die große Stadt und fanden bald in der Nähe der Seine und überall westwärts der quirligen Hauptstadt ursprünglich belassene Gegenden in Wald und Feld, um das, was sie mit eigenen Augen sahen, zu skizzieren, zu malen oder das gepflegte Nichtstun mit tiefgreifenden Gesprächen zu pflegen.
In den Pariser Vierteln der kreativ Suchenden, die in ihren Ateliers lebten und arbeiteten, feierten sie, wieder daheim angekommen, Licht Farbe und Leben, frische Luft und Leidenschaft und versuchten in ständiger Betriebsamkeit und gegenseitigem Ansporn den für sie passenden Malstil zu finden, der sie im Laufe der Jahre in die Bereiche der von ihnen angestrebten Schönheit und einer natürlichen Wahrheit, wie sie propagierten, leitete. Diejenigen, die diese neue Art der Wahrnehmung oder auch der neuen Wahrhaftigkeit in einer kulturell und materiell explodierenden Stadtwelt zu suchen versuchten, hießen Bazille, Monet, Manet, Pissarro, Cezanne, Berthe Morisot, Renoir, Sisley, Caillebotte oder Degas und wurden in ihren jungen Anfangsjahren von der städtischen Kulturweltszene nahezu verfemt und Jahr für Jahr bei der Bewerbung für die großen Ausstellungssalons der Hauptstadt ignoriert. Sie ließen sich nicht beirren und machten immer weiter, wobei sie sich im Laufe der Zeit mehr und mehr durchsetzten und wer heute einen Monet oder Cezanne besitzt, den sich ohnehin kein sterblicher Gehaltsempfänger leisten kann, wird sich vor lauter Glück mehr als reich beschenkt fühlen.
In diesem Kontext erscheint es mir wichtig, noch einen Maler, auch Anarchist und radikaler Aktivist zu nennen, ohne den sie alle nicht den Weg gefunden hätten, der ihnen letztlich den im 20. Jahrhundert Weltruhm bescherte: Gustave Courbet, der Maler, der als erster den Ballast der akademischen Traditionen auf den Lumpenhaufen der Geschichte warf und dessen Bilder, sehr tief in die verschlungenen Pfade der menschlichen Seele eindrangen und damit die Grenze des bourgeoisen Lebensdiktates überschritt. Der nackte Torso einer Liegenden brach alle bisherigen Tabus und Moralvorstellungen und zeigt uns Menschen eindeutig, welche Kraft die Einfachheit der Wahrheit besaß und was uns Menschen pur und unmissverständlich zwischen Dasein und Nichtsein in ihrer unverrückbaren Bestimmung bedeutet. „Der Ursprung der Welt“

Die braven und moralisch erstarrte Pariser Elite, die ihre vom Regenten Louis verliehene Daseinsberechtigung auf Erden allmählich in Schlafen, Essen, Trinken und Arbeiten zu unterteilen begannen, womit allerdings die Subalternen gemeint waren. Diese Elite bemerkte durch Hinweise anderer oder durch eindeutige Flüsterpropaganda, dass diese Einteilung für sie selbst niemals befriedigend sein konnte und Ausgleich geschaffen werden musste. Immer waren es die Herren der besseren Gesellschaft, die nach einigen Jahren Zweisamkeit mit ihrer jeweiligen Gattin, die Vorteile des patriarchalischen Lebensstils entdeckten und sich dahin aufmachten, wo das Leben in all seinen Facetten zwischen Erotik, Völlerei und die Enge der Seele befreiende Trinkgelage gefeiert wurden.
Nennt man Moulin Rouge weiß fast jeder, was mit dieser Feststellung oder spekulativen Aussage gemeint ist. Unterhalb von Sacre Couer war eine Halbwelt entstanden, die soviel Verlockungen anbot, dass kaum jemand umhin kam, dieses aufregende Viertel einmal aufzusuchen.

Kaum hatte sich die Dämmerung über die Dächer der Stadt gelegt, brachen sie auf und pilgerten dorthin, wo ihre Sehnsucht oder ein eigenartig drängendes Gefühl befriedigt oder zumindest zufrieden gestellt werden konnte. So vergnügten sich nicht wenige Pariser der besseren Gesellschaft (eine obszön falsche Bezeichnung), die es in ihren Wohnstätten zu fad und zu langweilig fanden, mit Absinth, Rouge, Dünnbier oder auch Champagner und selbstverständlich mit reizenden Damen, über die andere grundlos die Nase rümpften und sie verdammten. Viele moralinsaure und bibelfeste Männer hätten diese sehr anschmiegsamen Geschöpfe am liebsten in die Hölle der tiefsten Katakomben getrieben. In Wahrheit, so beschrieben es einige Dichter und  Schriftsteller seien sie neidisch, bösartig und vor allem humorlos gewesen, die aus einzwängenden Prinzipien ihr unerhebliches Sein den allgemein vorgeschriebenen Tugenden widmeten und alles unternahmen, um auf Erden reich zu werden, um dereinst über den Wolken in die Gemeinschaft der geheiligten Bigotterie aufgenommen zu werden.

Cabarets, Bordelle, Varietés und jede Menge Bistros verfehlen selten ihre lockende Wirkung. Der Can Can war die Attraktion dieser Nachtschwärmerkultur und wenn die Damen die Röcke schwenkten und laut und deutlich Lust, Tollerei und Leidenschaft lautstark aus ihren Kehlen entweichen ließen, verwandelte sich jedes dieser Etablissements in ein anarchisches Tollhaus. „Tout Paris toutes des Gens qui etaient a la Recherche des dissolues“ schwangen das Tanzbein über die Bretter, die für sie die Welt bedeuteten. Ob schlank oder drall, ob groß oder klein, ob weiblich oder männlich, ob arm oder reich hier erlebten die Forderungen der Französischen Revolution eine  einzigartige Bestätigung.

Die malenden Bohemien, würden Nichtkenner heute urteilen, lebten in den Farben, die sie auf die Leinwände pinselten, alles musste verwirklicht werden, was ihnen die Begabung in die Wiege gelegt hatte. Aber wer meint, dass nur gefeiert wurde, liegt falsch, denn ohne Arbeit, ohne Scheitern und ohne finanzielle Mittel gestaltete sich dieses Leben zwischen permanenter Anstrengung. Armut und Hunger wie die großen Glücksgefühle. Ihr Leben fühlte sich an wie eine Fahrt zwischen Himmel und Hölle, Olymp und Hades. Jeder dieser Frauen und Männer kämpfte unentwegt darum, die Welt so darzustellen, um den Menschen klar zu zeigen, dass sich der Sinn jeden Seins in der Reduzierung auf das Wesentliche ausdrückte, um den Blick von all dem Schnickschnack zu befreien, der in der Mitte des 19. Jahrhunderts die Wucht der Zivilisation alles Leben und alle Lebenden überfrachtete.

Ans Meer. Von Paris in die Normandie oder in den Norden, dort, wo sich schon die industrielle Revolution der Maschinen und Rohstoffe mit Fördertürmen, Schornsteinen und riesigen Fabrikhallen breit gemacht hatte. Gab es eine Eisenbahn nach Rouen oder Le Havre? Allerdings wurde 1840 eine Linie zwischen Paris und Rouen bzw. Le Havre eingeweiht und der normannische  Norden kam in den Genuss mit der großen weiten Französischen Welt südlich des Atlantiks verbunden zu sein. Ob die Malerclique Geld genug hatte oder ob man solidarisch miteinander die Fahrpreise aufteilte, weiß ich nicht, aber sicherlich werden die paar Sous aufgetrieben worden sein, um an den Gestaden der Normandie die unvergleichliche Landschaft mit  Steilküsten und schmalen Buchten, der Flussmündungen und Fischerdörfer, der weiten Kornfelder und Weiden, der kleinen Wälder und langen Chausseen in eine Offenbarung des Lichtes und der Farben einfangen zu können.

Seit über 50 Jahren bereise ich Frankreich und bin fast überall gewesen. Die wichtigsten größeren Agglomerationen habe ich in meiner Weise erlaufen und alles fotografiert, was mir wichtig und für die Nachwelt erhaltenswert erschien. Bei diesen Streifzügen, durch Städte, Dörfer und Landschaften habe ich meinen Gaumen mit all den schönen Genüssen des Landes gelabt. Ob es der Calvados oder der Camembert war, ob Salzbutter oder  Olivenöl oder all die Kräuter und Früchte, die ich hauptsächlich im Süden zwischen Carcassonne und Draguignan fand, ich danke der Landschaft und den sie bestellenden Landwirten für ihre kreative Mühe. Ob Franche Comté oder Chevre Charentais, ob Pineau (Ein Unfall gastronomischer Wucht) oder  duftender Munsterkäse, ob Austern, Crevetten oder Oktopusse oder der herrlich betörende Geschmack der Feigenmarmelade, ich muss Hemmingway zitieren: France un fete pour la vie.
Meine erste Reise führte mich an die Côte d´Azur und zwischen 1969 und heute existieren für mich  nur vereinzelt favorisierte Gegenden. Selbst das Stahl- und Kohlerevier um Lille, Roubaix, Lens und Douai (die Hölle des Nordens – Paris-Roubaix, aber nicht wegen der briques des Kopfsteinpflasters, sondern wegen der totalen Materialschlacht in Flandern des 1. Weltkrieges. Inzwischen fahre ich fast jedes Jahr in den Norden, anfangs in die Nähe von Calais, Wissant, Audhingen, Audresselles, Ambleteuse, Wimereux und seit 15 Jahren in unser „Maison Secret“ (ich werde den Standort nicht preisgeben) „unser“ Haus, das alleinstehend auf einer Düne südlich von Boulogne sur Mer weit übers Meer blicken lässt. Eine weitere Offenbarung war die Normandie zwischen Dieppe und Le Havre und die große Stadt an der Mündung der Seine, die sich mit dem großen Meer vereinigt, haben wir einen besonderen Platz für unser Glück reserviert (was viele nicht verstehen können, weil Havre nicht putzig touristisch einherkommt und jedem Dünkel der neuen Urbanität die Zunge rausstreckt. Nicht zu vergessen die Bretagne, ein fruchtbarer Zipfel von Meer umschlossen, eine Perle der Grande Nation „Finistere“. Alle kleineren Departements der Bretagne überraschen durch ihre unverkennbar stolze Originalität und Authentizität, die nach meinem Gefühl mit keiner anderen Gegend des Landes zu vergleichen ist.
Nun ja und der Süden, entlang der Pyrenäen und von West bis Ost zwischen den Grenzen zu Spanien und Italien die Mittelmeerküste umspannt. Über Collioure, Perpignan, Beziers, Sete, Marseille, Toulon, Sanary sur Mer, Cannes, Nice bis Menton. Zwischen Anfang Mai und Ende Oktober bedeutet dieser langgestreckte Saum am Mare Mediterranée die vollkommene Offenbarung aller Farben, die jemals das Licht dieses Planeten erblickt haben. Die Wärme und das Licht und wie der Dichter Frederic Mistral meinte „Einfach das Land des Lichtes“ erfüllen mich immer wieder mit Glücksgefühlen einer gewissen Seligkeit und der Teilhaftigkeit vieler kleiner Wunder. Es gäbe noch so viele Regionen und Städte, die ich nennen könnte, aber ich kleide diese Aneinanderreihung in ein Rätsel: Cahors, Brive, Moulins, Sens, Auxerre, Porrentruy, Sisteron oder Guingamp. Nun wer kennt die Städte, nennt die Namen, die gastlich hier zusammenkamen.

Viele, die Frankreich zu kennen glauben, sollten mal von Lyon oder Valente in Richtung San Etienne und Clermont Ferrand fahren und dann quer durch die Berge, vielleicht mal den Puy de Dome ersteigen oder hochrappeln wie die Tourgladiataoren und weiter durchs Zentral Massiv entweder Richtung Toulouse, Carcassonne über Cahors, Rodez, Auch, Agen oder Richtung Montpellier über die Superbrücke bei Millau und dann nach Nimes in die Arena (nebenan Supermuseum Zeitgeschichte), um vielleicht den neuen französischen Superstar Zaho de Sagazan zu lauschen. Wem das nicht reicht, sollte sich die Baronie begeben, die zwischen Rhone und Alpen liegt oder ins Jura und nach Besançon reisen. A la prochainne.